„Was darf Forschung?“ im SWR

Zum Streit um die Arzneimitteltests bei Demenzpatienten ist die Radiodiskussion im SWR zum Thema „Was darf Forschung? “ am 20.6.2016 hörenswert.

Es diskutierten  der Vorsitzende der Ethik-Kommission des Landes Berlin, Prof. Dr. Martin Hildebrandt, TU München, Vorsitzender der Berliner Ethikkommission, die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion Hilde Mattheis und der Leiter der Wissenschaftsredaktion der „Süddeutschen Zeitung“, Dr. Werner Bartens.

Kritisch äußerte sich Hildebrandt, der die gesetzliche Regelung „zu unpräzise“ und deshalb „gefährlich“ findet.

Bartens sieht ein „falsches Signal für Patienten, die ohnehin ein Unbehagen haben, wenn sie in eine Klinik kommen“. Man könne ihm auch nicht erklären, warum diese Forschung notwendig sei. Es überzeuge ihn auch nicht, dass eine solche Öffnung zu mehr Medikamenten führen würde im Bereich der Demenz rechnen könne, weil gerade ein dementiertes Krankheitsbild so komplex sei.  Man stochere „momentan noch im Nebel“. Die  „heiklen und irritierende und unbehagliche Schritte“ sollten eher nicht unternommen werden.

Dem pflichtet Hildebrandt zu und meint, dass bislang keine Studienvorhaben vorgelegt worden seien, die den Gesetzesvorschlag tatsächlich treffen würden.

Mattheis meint, wenn man gegen die gruppennützige Forschung an Einwilligungsunfähigen sei, müsse man auch gegen die eigennützigen Möglichkeiten der Forschung an Einwilligungsunfähigkeit sein. Denn „Druck auf Patienten“ könne ja heute schon auch beim Einschluss in eigennützige Forschung gemacht werden, indem man Patienten Hoffnungen  mache“. Bei einer Patientenverfügung sei das ganz anders. Da würde man sich „hinsetzen und Gedanken machen“. Außerdem verweist sie auf die EU-Verordnung, die Deutschland dazu zwingen würde, das so umzusetzen.

Das sieht Hildebrandt anders. Die EU „ermuntere gerade die Nationalstaaten, ihre Lösung zu finden“.
Bartens hält die ganze Idee einer Patienten- oder Probandenverfügung für zukünftige Forschung für eine „Luftnummer“ und „Theoriegeburt, die nicht in der Praxis taugt.
 
Mattheis ist der Ansicht, dass, wer keine Patientenverfügung zur Forschung habe, gar nicht in die Situation einer Studienteilnahme komme: Es müsse schon „aktiv ein Kreuz gemacht werden“. Von einer „ärztliche Beratung oder Empfehlung“ halte sie nicht viel, weil dies ja nur der  „Austausch von Allgemeinheiten“ sein könne, da die zukünftige Studie noch nicht bekannt sei. Sie sei aber nicht dagegen: „Stellen Sie mich nicht in diese Ecke“.
Hildebrandt meint, er stelle sie nicht in eine Ecke. Das schöne an einer Gesprächsrunde sei auch, dass es keine Ecken gäbe. Er wirft die Frage auf, ob ein aufklärender Arzt eigentlich ein nach dem Arzneimittelgesetz qualifizierter Arzt sein müsse oder ob auch der Hausarzt genüge.
Klarstellend führt er aus, dass es bei der gesetzlichen Öffnung nicht um einen Zusatznutzen für eine Gruppe von Patienten gehe, der nebenbei bei einer Studie erzielt werde, sondern um Studien, bei denen von Anfang an feststeht, dass sie ausschließlich der Allgemeinheit dienen. 
Mattheis entgegnet : „Ich hab ja schon zwei mal gesagt, worum es bei gruppennütziger Forschung geht“.  Es gebe ja schützende Hürden für den Probanden: „die Betreuung und die Ethik-Kommission“ . 
Mattheis will die einschlägige Vorschrift aus der EU-Verordnung zitieren, liest aber die Vorschrift zur eigennützigen Forschung an Einwilligungsunfähigen vor. Sie erwähnt die Möglichkeit, dass nationale Regelungen strenger sein können. „Genau das macht gerade Deutschland“.
Bartens meint, es werde immer verwirrender. Das Ganze sei eine  „Kopfgeburt“. Es müsse ganz genau gesagt werden, „welcher Versuch, welches Ziel“. Es sei  „eine Luftnummer nach der anderen“.  Gebe es keinen Bedarf dann gebe es auch keinen Nutzen. Die Vorschrift sei für ihn ein „Gedankenspiel“ und „praxisuntauglich“. 
Der Moderator spricht die bevorstehende Beratung und Abstimmung und Mattheis darauf an, dass die SPD-Bundestagsfraktion gespalten sei. Dem widerspricht Mattheis, die SPD-Fraktion sei nicht gespalten, man müsse nur noch eine gemeinsame Lösung finden.
Anmerkung der Redaktion: Die inhaltlichen Ausführungen und die Wiedergabe von Zitaten steht nicht in exakt chronologischer Reihenfolge.

 

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